"Ich schaue Männern hinterher. Ich will das gar nicht. Aber ich kann es nicht abstellen."
- Bernhard Dünser Cafe am Waldrand

- vor 12 Minuten
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Vor einiger Zeit hat mir ein 45 - jähriger Mann geschrieben.
Nicht geoutet. Zwei Töchter, beide schon fast erwachsen. Eine Beziehung, die „halbwegs läuft“.
Nach außen also vieles, was man als stabiles Leben bezeichnen könnte.
Und trotzdem schreibt er:
"Grad steht mir alles bis zum Hals und ich weiß gar nicht, was ich tun soll."
Dann erzählt er von einer Situation, die schwule Männer vielleicht kennen. Ich zumindest. ;-) Und ehrlich: wer kennt das nicht?
Er geht mit seiner Partnerin spazieren. Ein Mann kommt ihnen entgegen.
Er schaut. Vielleicht nur ein bisschen zu lange. Und merkt es.
Seine Partnerin vielleicht auch.
Oder: die Werbeplakate auf denen Männer abgebildet sind machen mich verrückt. Ich fühle, dass ich da gerne hinschaue, es mir erlauben möchte - und dann unterdrücke ich es wieder. Und es kommen sofort Sätze wie:
"Scheiße. Hoffentlich hat sie das nicht bemerkt."
Und dahinter eine noch viel größere Frage:
"Wie lange kann ich eigentlich noch so weitermachen?"
Das macht ihn ratlos. Du kennst das auch?
Vielleicht bist du gar nicht ratlos. Vielleicht weißt du schon ziemlich viel.
Du weißt vielleicht längst, dass dich Männer anziehen. Du weißt vielleicht, dass du anders leben möchtest. Du weißt vielleicht sogar, dass deine jetzige Beziehung nicht mehr das ganze Leben sein kann, das du dir vorstellst. Was du nicht weißt, ist:
Was mache ich jetzt damit?
Und genau da beginnt das eigentliche Problem.
Denn zwischen
"Ich glaube, ich bin schwul"
und
"Ich lebe offen als schwuler Mann"
liegt manchmal ein verdammt langer Weg.
Das Problem ist nicht der Blick auf den Mann
Der Blick ist wahrscheinlich nicht das eigentliche Problem.
Du kannst dir noch hundertmal vornehmen:
"Ich schaue nicht mehr hin"
...und du wirst trotzdem wieder hinschauen.
Nicht weil du dich nicht im Griff hast. Sondern weil Anziehung nicht einfach auf Knopfdruck verschwindet. Sexuelle Orientierung besteht nicht nur aus bewussten Entscheidungen. Anziehung kann spontan entstehen – emotional, romantisch oder sexuell. Und Menschen erleben und benennen ihre Orientierung sehr unterschiedlich.
Vielleicht ist deshalb die interessantere Frage:
Was passiert in dir, nachdem du hinschaust?
Vielleicht kommt Scham.
Angst.
Schuld.
Panik.
Vielleicht scannst du sofort deine Partnerin:
"Hat sie es gesehen?"
...weil du es noch verbergen möchtest.
Vielleicht versuchst du danach besonders aufmerksam oder liebevoll zu sein. Oder du lenkst schnell ab.
Vielleicht redest du dir ein:
"Ist doch nichts passiert."
Und vielleicht geht das seit Jahren so. Willkommen im Club. Es geht jedem Menschen so... sein Blick wandert dorthin, wohin er sich gezogen fühlt.
Das eigentliche Geheimnis ist nicht der Blick.
Das eigentliche Geheimnis ist, was du daraus machst. Du kannst einen Mann attraktiv finden und trotzdem entscheiden, nicht mit ihm zu schlafen. Du kannst schwul sein und trotzdem verheiratet sein. Du kannst deine Partnerin lieben und trotzdem Männer begehren.
Du kannst Vater sein und schwul sein. Du kannst Angst haben und trotzdem irgendwann einen Schritt machen.
Das menschliche Leben ist komplizierter als unsere Schubladen.
Und gerade deshalb braucht es manchmal einen Raum, in dem nicht sofort entschieden werden muss.
"Aber ich habe doch eine Familie."
Ja.
Und genau deshalb ist die Situation so schwierig.
Wenn du 20 bist und merkst:
"Ich bin schwul."
ist dein Leben vielleicht noch relativ offen. Mit 45 sieht es anders aus.
Da sind Menschen. Eine Partnerin. Kinder.
Gemeinsame Erinnerungen. Vielleicht ein Haus.
Freunde. Familien. Finanzen. Ein soziales Umfeld.
Ein ganzes Leben, das mit deiner bisherigen Identität verbunden ist.
Und plötzlich steht eine Frage im Raum, die alles berühren könnte:
"Was passiert, wenn ich ehrlich werde?"
Das ist keine kleine Frage.
Und deshalb wäre es auch falsch, dir einfach zu sagen:
"Dann oute dich doch."
So einfach ist es nicht.
Coming-out ist keine Tür, durch die man einfach hindurchgeht
Coming-out wird manchmal so dargestellt, als gäbe es zwei Zustände:
vorher: versteckt
nachher: frei
Das ist zu simpel.
Die psychologische Fachliteratur beschreibt Coming-out vielmehr als einen Prozess, der Selbstwahrnehmung, Selbstannahme und unterschiedliche Formen des Offenlegens umfassen kann. Manche Menschen erzählen es zunächst einer einzigen vertrauten Person. Andere behalten bestimmte Bereiche ihres Lebens weiterhin privat.
Du musst also nicht heute Abend deiner Partnerin gegenübersitzen und sagen:
"Ich bin schwul."
Vielleicht ist dein erster Schritt viel kleiner.
Vielleicht darfst du zunächst selbst verstehen:
Was fühle ich eigentlich?Was wünsche ich mir?Was habe ich bisher verdrängt?Was würde ich gerne verändern?Wovor habe ich am meisten Angst?Vielleicht hast du Angst vor einer Wahrheit, die dein Leben verändert
Das ist nachvollziehbar. Denn manchmal ist nicht die Erkenntnis selbst das Schlimmste.
Sondern das, was danach kommen könnte. Vielleicht denkst du:
"Wenn ich es ausspreche, gibt es kein Zurück mehr."
Und genau deshalb schweigst du.
Das Schweigen hat dann eine Funktion. Es hält die Dinge scheinbar stabil.
Die Familie, die Beziehung oder der Alltag bleiben. Niemand muss sich mit etwas auseinandersetzen. Nur du. Und irgendwann wird der Preis dafür hoch.
Wenn das eigene Leben zu eng wird
"Mir steht alles bis zum Hals." So schreibt mir dieser Mann.
Dieser Satz ist für mich wichtiger als:
"Ich bin schwul."
Denn vielleicht geht es längst nicht mehr nur um sexuelle Orientierung.
Vielleicht geht es um ein Leben, in dem du dich selbst zu oft zurückgestellt hast.
Vielleicht hast du gelernt, zuverlässig zu sein. Verantwortung zu übernehmen.
Niemanden zu enttäuschen. Zu funktionieren.
Ein guter Partner zu sein. Ein guter Vater. Ein guter Sohn. Ein guter Kollege.
Und irgendwann merkst du:
Wo bin eigentlich ich?
Das ist eine andere Frage.
Eine viel größere.
Je länger ein Mensch einen wesentlichen Teil seiner selbst versteckt, desto größer kann die innere Spannung werden.
Die Forschung zum Coming-out weist darauf hin, dass die Integration der eigenen sexuellen Orientierung und soziale Unterstützung mit besserem Wohlbefinden verbunden sein können; gleichzeitig können Angst vor Stigma und Diskriminierung dazu führen, dass Menschen ihre Identität verbergen. Auch deine Kinder haben auch ein Recht auf einen autentischen Vater.
Es geht also nicht darum, einfach „mutiger“ zu sein.
Es geht darum, einen Weg zu finden, auf dem Ehrlichkeit und Verantwortung miteinander verbunden werden können.
Vielleicht musst du nicht sofort dein Leben verändern.
Vielleicht musst du zuerst aufhören, dich selbst zu bekämpfen. Das wäre für mich ein wichtiger erster Schritt.
Nicht:
"Wie bekomme ich das weg?"
Sondern:
"Was will mir dieses Gefühl eigentlich sagen?"
Nicht:
"Warum schaue ich Männer an?"
Sondern:
"Was löst es in mir aus, wenn ich einen Mann attraktiv finde?"
Nicht:
"Wie kann ich verhindern, dass meine Partnerin etwas merkt?"
Sondern:
"Was passiert eigentlich zwischen uns, wenn ich mich selbst immer weiter verstecke?"
Das sind unbequemere Fragen.
Aber wahrscheinlich die ehrlichere Richtung.
Und dann kommt die vielleicht schwierigste Frage
Wenn du frei entscheiden könntest – wie würdest du leben?
Nicht:
Was wäre für deine Partnerin am einfachsten?
Nicht:
Was würden deine Kinder wollen?
Nicht:
Was würde deine Familie sagen?
Nicht:
Was wäre gesellschaftlich am unkompliziertesten?
Sondern:
Was würdest du wählen, wenn du keine Angst vor den Konsequenzen hättest?
Vielleicht würdest du dich trennen.
Vielleicht würdest du zunächst nichts verändern.
Vielleicht möchtest du deine Beziehung neu definieren.
Vielleicht möchtest du irgendwann mit einem Mann leben.
Vielleicht weißt du es noch überhaupt nicht.
Das ist in Ordnung.
Denn Klarheit entsteht nicht immer dadurch, dass man sofort entscheidet.
Manchmal entsteht Klarheit dadurch, dass man endlich aufhört, vor sich selbst wegzulaufen.
Mit 45 ist nichts vorbei.
Vielleicht denkst du:
"Warum habe ich das nicht mit 20 gemacht?"
Das denke ich mir selber manchmal auch. Aber da gab es vielleicht gute Gründe.
Die gesellschaftliche Situation unserer Jugend war eine andere. Viele Männer unserer Generation sind mit wesentlich weniger sichtbaren schwulen Lebensentwürfen aufgewachsen. Forschung zu späteren Coming-outs zeigt außerdem, dass die Entwicklung sexueller Identität nicht linear verläuft und dass historische und soziale Kontexte eine wichtige Rolle spielen.
Du musst deshalb deine Vergangenheit nicht verurteilen. Vielleicht hast du damals mit den Möglichkeiten gelebt, die du hattest. Heute hast du andere.
Und vielleicht ist die wichtigere Frage deshalb nicht:
"Warum erst jetzt?"
Sondern:
"Was mache ich mit dem, was ich heute weiß?"
Du musst noch keinen großen Schritt machen.
Vielleicht ist dein erster Schritt mit jemandem darüber zu sprechen.
Nicht mit deiner Partnerin, deinen Kindern oder deinen Eltern.
Sondern zunächst mit einem Menschen, bei dem du nichts entscheiden musst.
Du kannst sagen:
"Ich bin 45. Ich bin nicht geoutet. Ich habe Familie. Und ich weiß nicht, was ich will."
Das ist genug.
Du musst nicht bereits wissen, ob du schwul bist.
Du musst nicht wissen, ob du dich trennen wirst.
Du musst nicht wissen, wann du dich outest.
Du musst nicht wissen, wie dein Leben in fünf Jahren aussieht.
Du darfst einfach anfangen, ehrlich hinzuschauen.
Vielleicht beginnt dein neues Leben nicht mit einem Coming-out.
Vielleicht beginnt es mit einem ehrlichen Gespräch.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, kannst du mir schreiben.
Ich begleite schwule Männer online – besonders Männer, die spät oder noch gar nicht geoutet sind und zwischen Partnerschaft, Kindern, Familie und dem Wunsch nach einem anderen Leben stehen. Nicht mit einem fertigen Plan. Nicht mit der Aufforderung:
"Du musst dich jetzt outen."
Sondern mit der Frage:
"Was willst du wirklich?"
Von dort aus können wir gemeinsam schauen, was dein nächster Schritt sein könnte.
Vielleicht ist dein Blick auf Männer gar nicht das Problem.
Vielleicht erinnern dich diese Blicke einfach daran, dass da ein Teil von dir ist, der endlich gesehen werden möchte.
Was denkst du über meine Gedanken? Kennst du auch so eine Situation?
Schreib sie gerne in die Kommentare.
Dein Bernhard
GayCoach · psychosozialer Berater · Supervisor · Coach für neurosystemische Integration





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